Dickens‘ „Weihnachtsgeschichte“ im Jakobus

Unverwüstlich rührend

Es weihnachtet sehr im Jakobus-Theater. Hier beschwört gewissermaßen der wahre Geist der Weihnacht das Fest der Liebe und nicht des ungehemmten Konsums. Charles Dickens „A Christmas Carol“, die nach der Geschichte von Christi Geburt aus dem Lukas-Evangelium wohl bekannteste Weihnachtsgeschichte der Welt, packt auch mehr als 160 Jahre nach ihrem Entstehen den in vieler Hinsicht abgebrühten Zeitgenossen von heute. So einfach und klar ist die Botschaft, so elementar sind die Wahrheiten, die in der Geschichte von der wundersamen Verwandlung des verknöcherten Geizhalses Ebenezer Scrooge in einen wohltätigen Menschen stecken.

Dem Jakobus-Theater gelingt es mit seinen bescheidenen Mitteln, Buchstabe und Geist von Dickens‘ Weihnachtsgeschichte, die schon vielen Filmen als Vorlage diente, auf die Bühne zu bringen. Thomas Winkler als stärkstes schauspielerisches Talent des Ensembles gibt diesen Scrooge zunächst als wahren Kotzbrocken, verschanzt in seinem Kontor, unfreundlich gegen jedermann, despotisch gegen seinen Schreiber Bob Cratchit (Frank Reutter), den er am liebsten auch an Weihnachten schuften lassen würde. Den Neffen Fred (Peter Grünewald), der ihn einladen möchte, stößt er ebenso vor den Kopf wie einen Weihnachtsliedsänger und die zwei Herren, die ihn um Spende für eine wohltätige Organisation bitten. „Humbug“ nennt er das alles, ihn interessiert nur das Geld, das er aber nicht ausgibt, sondern hortet.

Doch dann wird es Nacht. Als Scrooge allein ist, erscheint ihm der Geist seines vor kurzem verstorbenen Kompagnons Jacob Marley. Es ist einer der etlichen guten Einfälle von Thomas Ruff, dass Marley als Filmprojektion auf der Büste des Verblichenen erscheint. Marleys sprechender Kopf (Michael Obert) malt Scrooge die Höllenqualen aus, die ihn erwarten, und kündigt ihm das Erscheinen von drei Geistern an. Der Geist der vergangenen Weihnacht (wiederum Frank Reutter) führt mit lustig blinkender Kappe Scrooge seine Kindheit vor, in der er noch Träume hatte und Gefühle zeigte, ehe ihn die Habgier erfasste. Im roten Weihnachtsmannkostüm zeigt ihm der wohlbeleibte Geist der gegenwärtigen Weihnacht (Torsten Süverkrüp) die prekäre Situation von Cratchit, dessen Sohn Tiny Tim (Pascal Winkler) schwer krank ist und dringend ärztliche Hilfe braucht.

Die drollige Kostümierung der Geister sorgt dabei auch für komische Elemente. Düster in seinem Kapuzenkostüm erscheint hingegen der Geist der kommenden Weihnacht (Ingo Raschke), der Scrooge zeigt, wie die Mitmenschen seinen Tod aufnehmen würden – eher freudig als betrübt – und welch bitteres Schicksal Tiny Tim erwartet, wenn Scrooge sich nicht ändert. Und der wacht auf aus diesen bösen Träumen, als ein veränderter Mensch. Auch diese Wandlung verkörpert Thomas Winkler überzeugend, dieser verwandelte Scrooge erscheint nicht nur als ein guter, sondern auch als ein glücklicher Mensch.

Durch die spärlichen, aber wirkungsvollen Kulissenwechsel im Halbdunkel und die Lichtregie wirkt die erbauliche Geschichte wie aus einem Guss, zumal keiner der Akteure, die zumeist in mehreren Rollen in Erscheinung treten, merklich abfällt. Mit dem festen Entschluss, ein besserer Mensch zu werden, verlässt man das Theater, nicht ohne vorher reichlich Beifall gespendet zu haben.

Peter Kohl
Badische Neueste Nachrichten, Montag, 1.Dezember 2008